Interview mit Bassbariton Hanno Müller-Brachmann: „Es ist wichtig etwas zurückzugeben“

Portraitfoto: Hanno Müller-Brachmann (PR)

Der Bassbariton Hanno Müller-Brachmann arbeitet sowohl auf dem Konzertpodium als auch auf der Opernbühne mit vielen der bedeutendsten Dirigenten, darunter Iván Fischer, Daniel Barenboim, Sir Simon Rattle und Michael Schønwandt. Die New York Times nannte ihn den „idealen Figaro“, Claudio Abbado fand seinen Wunsch-Papageno für eine Einspielung der Mozart-Oper „Die Zauberflöte“ und die Berliner Staatsoper 13 Jahre lang ein prägendes Ensemblemitglied. Mein Interview mit dem renommierten Sänger dreht sich unter anderem um die richtige Balance zwischen Arbeit, Herzensprojekten und Familie. 

Elisa Reznicek: Wie kam es zur Idee, am 08.07.2017 ein Benefizkonzert für die Kleine Kirche Karlsruhe zu geben?

Hanno Müller-Brachmann: Die vorbildliche Vernetzung der Kulturträger in Karlsruhe, darunter die hiesigen Kirchen, die Musikhochschule, die Landesbibliothek und das Badische Staatstheater, ermöglicht meinen Studierenden eine Vielzahl von Auftritten. Durch sie habe ich erfahren, dass in der Kleinen Kirche eine Orgel fehlt und dass es auch schon Benefizveranstaltungen gab, zum Beispiel von Marie-Elisabeth Lott und Sontraud Speidel von der Musikhochschule. Es ist wichtig zusammenzuarbeiten und etwas zurückzugeben. Dieses Benefizkonzert ist eine gute Gelegenheit dafür!

Sie werden das Programm des Mahler-Liederabends am 10.7. in der Londoner Wigmore Hall wiederholen, wo es auch von der BBC übertragen wird. Macht es einen Unterschied für Sie wo Sie auftreten?

Die Anzahl der Plätze in der Wigmore Hall ist gar nicht mal so viel größer als in der Kleinen Kirche, aber natürlich ist das der Olymp der Kammermusik, wenn man so will. Die Akustik ist besser, da sie speziell für Kammermusik gebaut wurde, während die Kleine Kirche eher ein Andachtsort ist. Aber letztendlich geht es doch vor allem um die Inhalte!

Gerade ist eine CD mit Werken von Rudi Stephan, der im Ersten Weltkrieg gefallen ist, und im Februar sind Sie in Montpellier mit Brittens „War Requiem“ zu hören. Möchten Sie mit Musik ein Zeichen setzen?

Alles, was Menschen tun, ist politisch, weil es in die Gesellschaft hineinwirkt – auch die Kunst. In Zeiten, in denen man über Mauern und Aufrüstung nachdenkt, kann man nur immer wieder daran erinnern, dass vor hundert Jahren der Erste Weltkrieg in Europa getobt hat und was seitdem passiert ist.

Auch Gustav Mahler hat eindeutig und eindringlich Stellung bezogen, indem er sich ganz klar pazifistisch in seinen Werken geäußert hat: Er hat das Hurra der Militärmärsche persifliert und Texte aus ‚Des Knaben Wunderhorn‘ vertont, die auf die Napoleonischen Freiheitskriege und das große Elend in Europa Anfang des 19. Jahrhunderts rekurrieren.

Im Wintersemester 2011/12 haben Sie eine Professur für Gesang in Karlsruhe übernommen. Fühlen Sie sich inzwischen heimisch hier?

Ja. Ich bin ja in Südbaden groß geworden und nach viel Jahren in Berlin habe ich es endlich in die badische Hauptstadt geschafft. Ich habe mich hochgearbeitet! [lacht]

Stimmt, der nächste Schritt nach Berlin kann ja nur Karlsruhe sein!

Für einen Badener schon! [lacht] Ich finde es wunderbar hier. Die Karlsruher Musikhochschule ist eine der schönsten in Deutschland und wird ganz hervorragend geführt. Die Zusammenarbeit der Kulturträger ist in Karlsruhe zudem beispielhaft. Das ist auch ein großes Plus für meine Studierenden, weil sie viele Orte haben, an denen sie sich ausprobieren können und wo sie gern gesehene und vor allem gehörte Gäste sind. Sie haben es hier viel leichter in Berlin, wo jede Kulturinstitution sehr auf sich konzentriert ist und die Vernetzung nicht in dem Maß stattfindet. Die vielen Vereine wie Zonta Club, Live Music Now und Kulturfonds Baden unterstützen das zusätzlich.

Sie haben in einem anderen Interview gesagt, dass Sie die Balance zwischen Beruf und Privatleben als Ihr wichtigstes Engagement begreifen. Wie gelingt es Ihnen denn dieses Gleichgewicht zu halten?

Diese Suche nach dem Gleichgewicht ist in der Tat schwierig. Da möchte ich es mit Picasso sagen: ‚Ich übe noch!‘

Als Sie an der Berliner Staatsoper ausgeschieden sind, haben Sie gleichzeitig die Zahl der Operntermine drastisch zurückgefahren.

Ja, absolut. Ich war gerade drei Wochen in Cleveland, wo ich Golaud in ‚Pelléas et Mélisande‘ gesungen habe. Normalerweise, wenn man eine Opernproduktion macht, ist man aber acht Wochen an der Scala oder an der MET. Diese Dinge tue ich nicht mehr, sondern verzichte ganz klar zu Gunsten meiner Familie auf solche Projekte.


Haben Sie einen Überblick, wie viele Auftritte Sie mittlerweile pro Jahr haben?

Als ich in Berlin im Ensemble war, lag ich ungefähr bei 70 Abenden im Jahr. In der laufenden Saison sind es 40 Auftritte – aber in der nächsten werde ich besser: Da sind es nur noch 28!

Ist es ein erklärtes Ziel, das Ganze nur noch auf Herzensprojekte herunterzubrechen?

Genau. Es sind Herzensdinge, aber auch herausragende Projekte. Darunter die letzte Saison von Sir Simon Rattle an der Berliner Philharmonie mit Janáceks ‚Schlaues Füchslein‘, Auftritte unter Iván Fischer am Konzerthaus mit Mozarts Requiem und Beethovens 9. Sinfonie, oder auch fünf Abende mit Bernard Haitink, der mittlerweile 88 Jahre alt ist und mich noch einmal eingeladen hat. All das freut mich wahnsinnig! Dazu kommen Montpellier mit Michael Schönwandt, den ich außerordentlich schätze, und ein Gastspiel in meiner Heimatstadt Lörrach, wo ein Laienorchester und ein französischer Laienchor gemeinsam das Ende des ersten Weltkrieges vor einhundert Jahren mit Faurés Requiem feiern werden.


Wenn Sie Ihrem jüngeren Ich einen Tipp geben könnten, welcher wäre das?

Das wären eher viele Tipps. Ich glaube, man muss vor allem auf sein Herz hören und auf seine Stimme.

Geht das manchmal konträr – das Herz würde gern, die Stimme sagt aber, dass es nicht der richtige Zeitpunkt ist?

Ja, durchaus. Es ist wichtig, eine kluge Balance zu finden – genauso wie zwischen Beruf und Privatleben. Meine persönliche Meinung ist, dass man das eigene Privatleben nicht für den Beruf opfern sollte. Wir Künstler stehen auf der Bühne und müssen dort unser Herz zeigen und öffnen, um aus dem Leben zu singen. Doch wenn wir nicht leben, haben wir wenig zu erzählen.

Welchen Stellenwert hat der Liedgesang in Ihrem festen Repertoire?

Ich habe immer Lied gesungen. Es ist ein zentraler Punkt in meinem Repertoire, genauso wie das Oratorium. Die Oper ist erst später dazugekommen. Das Lied ist für mich die ursprünglichste Form des Singen. Man singt als Kind schließlich schon Kinderlieder. Das ist eine im besten Sinne ganz normale Lebensäußerung.


Den ersten Liederabend habe ich schon als Knabensopran gegeben. Damals habe ich natürlich noch überhaupt nicht an Oper gedacht! Dazu hat mich erst meine Lehrerin an der Freiburger Musikhochschule gebracht, als dringend noch ein Truffaldin für ‚Ariadne auf Naxos‘ gesucht wurde. Irgendwann rief das Stadttheater dann überraschend auf meiner Zivildienststelle an, um mich zum Vorsingen aufzufordern. So bin ich an die Oper gekommen – und seitdem habe ich Blut geleckt! Aber ursprünglich gehörte das nicht zu meiner Lebensplanung. [lacht]

Gibt es Karrierehöhepunkte oder prägende Auftritte, die sich in Ihr Gedächtnis eingebrannt haben?

Es gibt wahnsinnig viele, wofür ich sehr dankbar bin. In den 13 Jahren mit Daniel Barenboim an der Berliner Staatsoper habe ich sehr viel gelernt. Dass ich mit Claudio Abbado den Papageno in Mozarts ‚Zauberflöte‘ für die Deutsche Grammophon einspielen durfte, war ebenfalls ein sehr prägendes Erlebnis, genauso wie das Zusammentreffen mit Musikerpersönlichkeiten wie Iván Fischer, András Schiff, Bernard Haitink und Kurt Masur, die mich sehr vorangebracht haben. Auch die Zusammenarbeit mit Hartmut Höll, sowohl im Lehrbetrieb an der Musikhochschule als auch auf Konzertbühnen, finde ich sehr beglückend.


Interview: Elisa Reznicek
Aufmacherfoto: PR, mit freundlicher Genehmigung von Hanno Müller-Brachmann
Videos: operalover9001 (1), Askonas Holt (2), Sadanori Kobinata (3) bei YouTube

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