„Dirty Dancing – Das Original live on Tour“: Baby und Johnny im Festspielhaus Baden-Baden, 16.1.18 (Veranstaltungskritik)

Pressebild Dirty Dancing - live on tour © Jens Hauer

So kann man sich irren: In „Dirty Dancing“ geht’s nicht primär um Liebe, Tanz und einen auf ein Ferienressort verdichteten Spiegel der Gesellschaft von 1963. Es dreht sich um das vermutlich bekannteste Kürbisgewächs der Filmgeschichte: die Wassermelone! Bei der Premiere von „Dirty Dancing – Das Original live on Tour“ in Köln konnte man sich angeblich sogar mit einem Prachtexemplar fotografieren lassen. Im Festspielhaus Baden-Baden lacht sie immerhin von der Innenseite der pinken Pressemappe und ist auch sonst kaum aus den Köpfen des Publikums zu bekommen.

„Ich hatte schon überlegt, ob ich eine mitnehme“, erklärt beispielsweise eine Dame im Petticoat in der Reihe hinter mir ihren ebenfalls sehr adrett gestylten Begleiterinnen. Die nicken zustimmend. Man stelle sich das mal vor: So wie bei „The Big Lebowski“ gefühlt jeder Zweite im hässlichen Bademantel kommt, sieht man sich die Show (die explizit KEIN Musical ist) einfach mit einer Wassermelone auf dem Schoss an. Das hätte auch den Vorteil, dass man sich in der Pause keine teuren Häppchen kaufen müsste. 😉

„Dirty Dancing – Das Original live on Tour“ im Festspielhaus Baden-Baden … nur echt mit Melone

„Aber was denn jetzt eine Melone damit zu tun?“, fragt mich eine Freundin gleichermaßen lachend und ein klein wenig entgeistert, als ich ihr nach dem Auftaktabend am 16. Januar 2018 davon erzähle. Sie ist offenbar kein glühender Fan der Kultproduktion mit Patrick Swayze und Jennifer Grey, der jede Szene Wort für Wort mitsprechen kann (natürlich erst, sobald man aufgehört hat, sich über die mittlerweile auch schon wieder alte „neue“ Synchronisation zu beschweren oder über Greys spätere Nasen-OP, nach der sie angeblich nie wieder Rollen bekommen hat, wie viele sich sicher sind).

Johnny trifft Baby und es kommt, wie es kommen muss

Das frühe erste Aufeinandertreffen des Tänzers Johnny Castle und Frances „Baby“ Houseman, die mit ihren Eltern und ihrer dumpfbackigen Schwester Lisa Urlaub im Kellerman’s Ressort macht, ist maßgeblich für die Rollengestaltung der beiden Hauptcharaktere. Johnny herrscht seinen grundsympathischen Cousin Billy an, was die denn bitteschön in den Mitarbeiterbereichen zu suchen hätte, wo man doch gerade noch so herrlich unbeobachtet die Hüften hat kreisen lassen können. Babys gestammelte Antwort „Ich habe eine Wassermelone getragen“ zementiert ihren schüchtern-naiven Charakter, der – zumindest im Film – nur langsam verblasst (ohne freilich jemals ganz zu verschwinden).


Weniger Klischees, mehr gute Laune: „Dirty Dancing live“ überrascht

Bei „Dirty Dancing – Das Original live on Tour“ ist dieses Machtverhältnis lustigerweise  ins Gegenteil verkehrt. Anna-Louise Weihrauch, die die weibliche Hauptrolle mimt, wirkt deutlich reifer und erwachsener als ihr Filmpendant. Da macht auch die Szene, in der Baby ihren Johnny verführt, plötzlich deutlich mehr Sinn. In der „Dirty Dancing“-Vorstellung am 16. Januar wird dies zusätzlich durch die jugendliche Ausstrahlung von Lucas Baier verstärkt, der am Auftaktabend für den erkrankten Máté Gyenei übernimmt. Das führt in der Pause zu angeregten Diskussionen unter den Fans und anwesenden Kritikern. Ich bin eindeutig auf der Pro-Seite – die Art und Weise, wie der Film aus dem Jahr 1987 Geschlechterklischees bedient (er ist der Macker, sie ist das Mäuschen) ist nämlich absolut nicht mein Fall. Abgesehen davon finde ich, dass beide Darsteller sowohl tänzerisch als auch schauspielerisch einen sehr guten Job in Baden-Baden machen.

Pressebild: Dirty Dancing live on tour © Jens Hauer

Anna-Louise Weihrauch und Máté Gyenei (am 16.1.18 krank und durch Lucas Baier vertreten … leider war es mir nicht möglich, von BB Promotion ein Bild mit Baier zu bekommen)

Die heimlichen Stars: Penny, Lisa und zwei Gesansgpartien

Die Show lassen sie sich trotzdem ab und zu stehlen, denn der Co-Cast und das Ensemble sind bis auf einige wenige Ausreißer bärenstark aufgestellt. Da ist zum Beispiel Marie-Luisa Kaster, die mit gefühlt zwei Meter langen Beinen, jeder Menge Charisma und Körperbeherrschung deluxe in die Rolle von Johnnys Tanzpartnerin Penny schlüpft. Natalya Bogdanis als Babys Schwester Lisa, die gewollt so gnadenlos schlecht spielt, dass man sich kringeln könnte vor Lachen. Leadsängerin Tertia Botha, die als eine der wenigen prominenten Gesangspartien mit kleinen Schauspielszenen und großer stimmlicher Ausdruckskraft aufläuft (man kennt sie unter anderem aus „Bodyguard – Das Musical“ in Köln). Sowie ihr Partner Konstantin Zander, der den Billy genauso gut schauspielerisch interpretiert wie vokal den vermutlich bekanntesten Song der vielen bekannten „Dirty Dancing“-Hits. In meiner Kritik im Badischen Tagblatt bringe ich es auf den Punkt: „(I’ve Had) The Time Of My Life bringt das Blut nicht nur durch den legendären Schlusstanz mit Hebefigur in Wallung, sondern auch durch die Wahnsinnsstimmen von Botha und Zander.“

Meine Veranstaltungskritik zu „Dirty Dancing“ im Badischen Tagblatt

Zeitungskritik: Dirty Dancing - das Original live on tour

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Wo mein Blogartikel wie immer rein subjektiv ist, gibt’s in der offiziellen und sehr ausführlichen Veranstaltungskritik von mir natürlich nur knallharte Fakten. 😉 Viel Spaß beim Lesen meines Artikels. Er ist am 18. Januar 2018 im Badischen Tagblatt erschienen.

„Dirty Dancing – Das Original live on Tour“ läuft übrigens noch bis einschließlich 21. Januar 2018 am Festspielhaus Baden-Baden. Ich kann die Show, die hervorragende Tanzszenen, Schauspiel und viele viele Hits wie „Be My Baby“ (The Ronettes), „Yes“ (Mary Glayton), „She’s Like The Wind“, „(I’ve Had) The Time Of My Life“ und „Hungry Eyes“ zusammenbringt, nur wärmsten empfehlen. 10 von 10 Punkten auf der Gute-Laune-Skala!


Foto-Credits: Alle Fotos © Jens Hauer / MEHR! Entertainment 

YouTube-Video: EatMyFeinstaub, abgerufen am 19.1.18 (ich habe leider keine Rechte an der Filmszene, sofern der Rechteinhaber die Entfernung des hier eingebettenen Videos auf meiner Seite wünscht, bitte ich um Kontaktaufnahme bei Kenntnisnahme)

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