CD-Kritik: Dominic Miller „Silent Light“ – Potenzial zum Album des Jahres

Keine Ahnung, warum ich beim CD-Titel immer „Silent Night“ lese: Das ECM-Labeldebüt von Dominic Miller hört auf den Namen „Silent Light“ – und es ist weder stumm noch weihnachtlich. Seine größte Stärke ist die Reduktion: Das bis auf seine musikalische Substanz entschlackte Album wurde größtenteils live und ohne Overdubs aufgenommen und verzaubert vom ersten Moment an durch seinen reinen, unverstellten Stil. Typisch Dominic Miller eben – und einmal mehr ganz und gar wunderbar.

Kleine Besetzung, große Vielfalt

Neben Miller, der bei „Chaos Theory“ auch zum Bass greift, ist nur noch Miles Bould an Percussion-Instrumenten und Drums zu hören. Die Stilvielfalt ist indes deutlich größer als die Besetzung und der Dynamik-Umfang. Egberto Gismonti und Pat Metheny schimmern teils als Einflüsse durch, während die Handschrift Dominic Millers aber immer deutlich prägend bleibt. Mal wird es ganz ruhig und jazzig, dann wieder grooveorientiert, teils blitzt auch der Vibe Lateinamerikas auf.

Dominic Miller lässt die Musik atmen

Der Gitarrist nennt als Referenz zu seinem Album den gleichnamigen Film des mexikanischen Regisseurs Carlos Reygadas: „Wie er Stille, Licht und Raum einsetzt, hat mich sehr beeindruckt. Manchmal vergehen Minuten ohne Bewegung oder Dialog. Ich fand das mutig und inspirierend.“

Man könnte auch sagen: Das muss man als Künstler erst einmal aushalten, egal ob filmisch oder akustisch. Denn entgegen dem Zeitgeist lautet die Devise hier eben nicht „lauter, schneller, weiter“. Dominic Miller lässt die Musik leben und atmen, gibt ihr Raum sich zu entwickeln und voll zu entfalten. Pausen und Momente zum Innehalten inklusive.

Sting über Dominic Millers Klangwirkung

Vater & Sohn beim Sting-Konzert (Stuttgart, 29.3.17)

Vater & Sohn beim Sting-Konzert (Stuttgart, 29.3.17)

Sting, dessen Wegbegleiter Dominic Miller seit Anfang der 1990er Jahre ist (eine relativ schnelle instrumentale Reminiszenz an „Fields Of Gold“ gibt‘s ebenfalls auf dem Album – wie sollte es anders sein als pure Essenz in Musik gegossen), findet im Booklet schöne und ziemlich treffende Worte zur Klangwirkung: „Wann auch immer Dominic Gitarre spielt, schafft er Farben, ein ganzes Spektrum von Emotionen, eine Klangarchitektur, in der Stille und Klang gleichermaßen ihren Platz haben. Er entführt den Geist in höhere Sphären, in denen Stille den Ton angibt. ‚Silent Light‘ eben.“

„Silent Light“: Potenzial zum Album des Jahres

Wer die zahlreichen Vorgängeralben mag (ich bin Dominic Miller bereits seit den frühsten Produktionen wie „First Touch“ und „Second Nature“ verfallen), macht auch mit „Silent Light“ alles richtig. Hut ab und alle Daumen hoch dafür!

 

 

Dominic Miller „Silent Light“
Ecm Records (Universal Music)
Release: 7. April 2017

 

 


Text: Elisa Reznicek, lebelieberlauter.de
Fotos: Aufmacher-Bild: Steven Haberland/PR, Bild von Dominic Miller & Rufus Miller: Elisa Reznicek, CD-Cover: ECM/PR

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