Interview mit Frank Dupree – der Pianist und Dirigent über Beethoven, Jazz und seine Heimatstadt Rastatt

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Vor kurzem habe ich ein Interview mit Pianist und Dirigent Frank Dupree geführt. Dieses wurde in Teilen auch von den Badischen Neuesten Nachrichten und der Rheinpfalz im Printbereich aufgegriffen, was mich natürlich freut. Schließlich war es nicht nur ein sehr schönes und sehr aufschlussreiches Gespräch mit dem jungen Rastatter (*1991), sondern auch ein sehr lockeres. Wir schafften es tatsächlich den Bogen vom Dirigieren im Stau über Parallelen zwischen Schostakowitsch und Metal (!) bis hin zum Multitasking bei der Arbeit zu schlagen. Wer sagt denn, dass Klassik immer staubtrocken sein muss. 🙂

Elisa Reznicek: Bei Facebook ist ein Video zu sehen, in dem Sie im Stau Beethovens 7. Sinfonie dirigieren …

Frank Dupree: Richtig. So sieht die Vorbereitung aus. [lacht]

Ach so geht das bei Dirigenten!

Nein, nicht nur. [lacht]

What would you do during a traffic jam?

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Posted by Frank Dupree on Montag, 26. September 2016

 

Gehört Musik bei Ihnen in allen Lebenslagen dazu?

Meistens ja. Ich nutze sogar die Zeit unterwegs im Verkehr. Auf der Autobahn und im Zug kann man prima neue Stücke anhören oder kennenlernen. Es ist nicht nur klassische Musik dabei – ich höre genauso gerne Jazz. Theoretisch ist also ständig Musik um mich herum, das stimmt. Allerdings brauche ich besonders nach einem Konzert auch einmal einen Moment der Ruhe, in dem ich das verarbeiten kann, was gerade passiert ist. Das geht vermutlich vielen so.

Ich habe von Ihnen ein Zitat gelesen, dass Beethoven der eigentliche Erfinder des Jazz sei. Was haben Sie damit gemeint?

Das muss man in den Kontext setzen: Es gibt in Opus 111 eine Variation zum Arietta-Thema, die durch eine Verdoppelung des Tempos einen Rhythmus offenbart, der fast schon wie Swing und Boogie-Woogie klingt. Außerdem bleiben die Harmonien fast nur auf der Tonika und der Dominante. Es gibt Akzente auf den Off-Beats und extrem viele Synkopen. Das zusammengenommen erinnert tatsächlich an Jazz, denn das alles sind genau die Elemente, die man hundert Jahre später dazu benutzt hat, diesen Stil zu beschreiben. Die stecken schon in Beethoven drin!

In Mannheim haben Sie gemeinsam mit der Deutschen Staatsphilharmonie eine Reihe auf die Beine gestellt, die genau diesen Gedanken aufgreift. Sie spielen im Capitol alle fünf Beethoven-Konzerte, aber auch Jazz mit Jazzmusikern.

Wir haben „Connect It!“ tatsächlich mit Beethovens Opus 111 begonnen und die Reihe damit begründet. Direkt im Anschluss an Beethoven haben wir die Musik im Jazz-Stil weitergesponnen – ohne abzubrechen oder eine Pause dazwischen zu machen. Viele aus dem Publikum haben gesagt: „Ich wusste wirklich nicht, wann der Beethoven aufgehört und die Improvisation im Jazz begonnen hat.“ In unserem zweiten Konzert am 31. Oktober spielen wir Beethovens drittes Klavierkonzert und es kommt Saxofonist Jan Prax als Gast dazu. Der Sinn des Ganzen ist, zwei verschiedene Richtungen gleichberechtigt in einem Konzert zu präsentieren – allerdings ohne Crossover zu machen. Das Schöne dabei ist, dass man plötzlich Merkmale wahrnimmt, die in beiden Stilrichtungen vorkommen, wenn man sie in einem Konzert hört. Denn manchmal ist der Unterschied gar nicht so groß, wie man meinen könnte!

Ich denke mir auch oft in klassischen Konzerten: Wenn man das, was die Streicher gerade spielen, auf der Gitarre spielen würde, wäre man ganz schnell in einer anderen Musikrichtung.

Genau! Würde man die Streichquartette von Schostakowitsch auf der Gitarre spielen, hätte man Heavy Metal. Auch Barockmusik mit der „Basso Continuo“-Gruppe und improvisierenden Solisten kann viele Parallelen zu anderen Stilen haben. Im Generalbass beispielsweise spielt man am Cembalo zwar nach Ziffern und im Jazz am Klavier nach Chords, aber das Prinzip ist das gleiche. Die Stilrichtungen sind nicht so weit voneinander entfernt, wie man oft denkt.

Ihr Auftritt bei den Karlsruher Meisterkonzerten findet im Rahmen des Festivals „ZeitGenuss“ statt, bei dem besonders zeitgenössische Musik im Fokus steht. Neben dem modernen Werk von Aribert Reimann dirigieren und spielen sie aber ausschließlich Beethoven. Worin liegt die Aktualität seiner Musik?

Beethoven ist einfach einer der innovativsten Komponisten. Wie er die Sinfonien geschrieben hat, was alles in den Klaviersonaten steckt, dient heute noch Komponisten wie eben Aribert Reimann oder auch Jörg Widmann immer wieder als Bezug. Reimann bezieht sich beispielsweise auf ein Klavierstück von Beethoven. Das Spannende war für mich zunächst zu schauen, wie viel Beethoven in dem Stück von Reimann drinsteckt, wie sich Form und Tonsprache aneinander anlehnen. Es ist unglaublich, wie Beethoven in kürzester Zeit von der einen Tonart zur anderen moduliert und wie die Takte ausgestaltet sind. Total modern!

dressforsuccess_frankdupreeNähern Sie sich dem Reimann-Stück „Nahe Ferne“ ungeachtet der Beethoven-Bezüge anders als „klassischen“ Klassik-Werken?

Auf jeden Fall! Es fängt schon damit an, dass ich Reimanns Orchesterwerk auf keiner einzigen CD finden kann. Beethovens 7. Sinfonie kennt man dagegen. Man hat die Musik einfach im Ohr. Trotzdem lese ich die Partitur von Beethoven eigentlich nicht anders als die von Reimann. Ich möchte ihren Inhalt verstehen und überlege mir genau, was ich mit der Musik aussagen möchte. Die Fragen sind: Was wollte der Komponist damit ausdrücken? Und wie ist meine Interpretation davon?

Beethovens 3. Klavierkonzert dirigieren Sie wieder vom Klavier aus. Ist dieses „Multitasking“ eine Herausforderung oder steckt das einfach in Ihnen?

Eine Herausforderung ist das allemal. [lacht] Danach ist man geschafft, denn man übt wirklich zwei Tätigkeiten gleichzeitig aus. Man hat aber auch eine ganz besondere Verbindung zum Orchester, wenn man beides tut. Alle wollen gemeinsam Musik machen. Wenn ich vom Klavier aus dirigiere, funktioniert das ohne Umwege. Ich kann dem Klarinettisten direkt in die Augen schauen und mit ihm zusammenspielen. Ich kann mit dem Pauker in den hinteren Reihen einen Dialog herstellen, und so weiter. Das ist extrem spannend!

Sie sind Jahrgang 1991, also noch sehr jung. Wie ist Ihr Erfahrungswert: Kann es zu Problemen mit „alten Hasen“ im Orchester kommen, die sich nicht von jemandem in Ihrem Alter reinreden lassen wollen?

Ich persönlich habe das noch nicht erlebt. Mit der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz habe ich schon einige Projekte realisiert. Das Orchester war mir dabei jedes Mal sehr, sehr offen gegenüber und gewillt, mit mir zusammenzuarbeiten. Das hat uns allen große Freude bereitet. Besonders, wenn ich am Klavier sitze und dirigiere, merkt man auch nochmal einen Unterschied. Es ist anders, als wenn ich „nur“ Dirigent bin. Am Klavier bin ich genau der gleiche Musiker wie die Orchestermitglieder. Wir musizieren und gestalten zusammen. Und wenn mal eine Hand frei ist, dirigiere ich. Man spürt definitiv einen Unterschied, ob der Solist nur für sich alleine spielt oder ob er mit dem Orchester kommuniziert.

Das ist schwierig in Worte zu fassen, das muss man tatsächlich erleben. Das Orchester klingt ganz anders. Die Musiker sind wach, denn jeder ist für sich selbst verantwortlich und muss das Stück wirklich kennen. Ich kann schließlich nicht jeden Einsatz geben. Und dann wird eben zusammen musiziert – quasi wie in der Kammermusik, nur mit viel mehr Leuten.

Könnten Sie sich denn für eines entscheiden: Dirigieren oder Klavier spielen?

Nein. Deshalb mache ich es ja gleichzeitig. [lacht]

Spielen Sie denn auch noch Schlagzeug oder ist das mittlerweile hintenangestellt?

Ich habe bis zu meinem 16. Lebensjahr intensiv Schlagzeug gespielt, mit ähnlichem Niveau wie das Klavier. Doch als das Dirigieren verschärft dazukam, musste ich mich entscheiden. Es gibt aber noch Momente, in denen ich mich ans Schlagzeug setze und ein wenig groove.

Sie sind parallel zu Ihrer Arbeit als Dirigent und Solist noch Masterstudent an der Musikhochschule Karlsruhe …

Genau, Master im Fach Klavier. Immer noch bei Prof. Sontraud Speidel. Sie unterrichtet mich seit meinem sechsten Lebensjahr.

Wie beschäftigen Sie sich, wenn Sie keine Musik machen?

Kurz vor unserem Interview war ich zum Beispiel gerade joggen. Schwimmen gehe ich auch gerne. Es ist einfach sehr wichtig, einen Ausgleich zu haben, denn einige Stunden am Klavier sind natürlich eine Belastung für den Körper. Abgesehen davon besuche ich gern Konzerte, unter anderem im Badischen Staatstheater. Und natürlich spielen auch meine Familie und meine Freunde eine große Rolle für mich.

Sie wohnen in Rastatt. Hat es sie nie gereizt, nach Berlin oder New York zu ziehen?

Nein, denn der Heimatgedanke ist mir persönlich sehr wichtig. Als Musiker bin ich viel unterwegs. Dieser Platz, wo dem man herkommt und wo die Familie ist, hat bei mir daher einen großen Stellenwert. Dieser Ort ist ein Hafen, in den man immer wieder zurückkehren möchte.

Interview in den Badischen
Neuesten Nachrichten Karlsruhe
(Beethoven bei den Meisterkonzerten)
Interview in der Rheinpfalz Ludwigshafen („Connect It!“-Reihe in Mannheim)
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Termininfos Frank Dupree, Artist in Residence der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz

Meisterkonzerte in Karlsruhe und Mainz: „Beethoven pur“
Frank Dupree, Dirigent und Klavier
Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz
Freitag, 28.10.2016, 19:30 Uhr, Konzerthaus Karlsruhe
Sonntag, 30.10.2016, 19:30 Uhr, Rheingoldhalle Mainz

Aribert Reimann
Nahe Ferne, Momente zu Beethovens „Klavierstück B-Dur“ WoO 60
Ludwig van Beethoven
3. Klavierkonzert c-Moll op. 37
7. Sinfonie A-Dur op. 92

„Connect It!“ Klassik meets Jazz
Frank Dupree, Dirigent und Klavier
Jan Prax Quartett
Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz
Montag, 31.10.2016, Capitol Mannheim

Beethoven – Klavierkonzert Nr. 3 c-Moll, op. 37
Beethoven – Sinfonie Nr. 5 c-Moll, op. 67


Interview & Artikel: Elisa Reznicek, lebelieberlauter.de
Aufmacher-Foto: Sebastian Heck/PR
Video und Screenshot von der Facebook-Seite Duprees

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