Interview mit Joris: „Ich habe keinen Plan B“

Herz über Kopf: Joris beim SWR3 New Pop Festival 2015 (Foto: Elisa Reznicek)

Herz über Kopf: Joris beim SWR3 New Pop Festival 2015 (Foto: Elisa Reznicek)

Letztes Jahr beim SWR 3 New Pop Festival in Baden-Baden lernte ich Joris kennen. Zuerst dachte ich: „Oh, das wird bestimmt wieder so ein Standard-Pressetermin. Erst ewig warten auf den Künstler und dann in ein paar Minuten mit genormten Antworten abgefrühstückt werden.“ Doch von wegen! 

Obwohl es backstage zuging wie im Taubenschlag und er in der Tat mehr als busy war (Wartezeit: 25 Minuten), nahm sich Joris Zeit für ein gutes Gespräch mit mir! Die Themen: natürlich der Erfolg seines Debüts „Hoffnungslos hoffnungsvoll“, aber auch die Kraft deutscher Pop-Poesie und die Kunst, sich für seinen Traum mutig von Plan B freizumachen. Manchmal reicht Plan A nämlich mehr als dicke. 🙂

Interview mit Joris: „Ich habe keinen Plan B“

Elisa Reznicek: Neben vielen ausverkauften Gigs bedeutet der Hype um deine Person auch viel Presse- und Promoarbeit. Wie fühlt sich das an?

Joris: Super! Natürlich habe ich nicht an die ganzen Pressetermine gedacht, als ich mir vorgestellt habe, irgendwann mit meiner Musik unterwegs zu sein. Aber ich lerne immer mehr, dass das dazugehört. Außerdem ist es auch etwas Schönes – denn ich darf ja über meine Musik reden. Das Interesse an meiner Musik kenne ich von früher natürlich nicht in dem Maße [lacht], daher genieße ich das jetzt sehr.

Elisa Reznicek: Du machst schon ewig Musik, nicht wahr?

Joris: Ja, schon 20 Jahre lang. Ich habe mit fünf Jahren angefangen.

Elisa Reznicek: Hättest du einen Plan B gehabt, wenn es nicht geklappt hätte?

Joris: Das ist eine sehr gute Frage! Es ist tatsächlich so, dass ich mir letztens darüber Gedanken gemacht habe. Ich glaube, ich bin jemand, der nie einen Plan B hatte. Ich mache einfach das, was ich machen möchte. Wenn ich einen Plan B hätte, würde ich viel zu viel darüber nachdenken, was alles schief gehen könnte.

Als ich mit meinem Album angefangen habe, habe ich noch als Gitarrenstimmer gearbeitet und alles auf die Seite gelegt, was ging. Dabei hatte ich tatsächlich ständig diesen Traum vom Album im Kopf. Hätte ich nachgedacht, hätte ich bestimmt nicht mein Geld bis auf den letzten Cent für diesen Traum ausgegeben. Ich glaube, es ist einfach notwendig zu wissen, in welche Richtung man gehen möchte.

Elisa Reznicek: Du spielst sehr viele Instrumente, schreibst und singst. Wie ist das für dich in einem Bandkontext zu arbeiten?

Joris: Ich bin natürlich schon auf eine gewisse Art und Weise ein „Alphatier“ [lacht], aber das liegt auch daran, dass die Verhältnisse ganz klar sind. Wenn du ein Solokünstler bist, dann hast du eine Liveband, die superschöne Ideen mit zur Musik beiträgt. Wenn dir aber mal etwas nicht gefällt, ist niemand sauer, denn jeder weiß, dass das deine Musik ist.

Elisa Reznicek: Gibt es Musiker, mit denen du gerne einmal spielen würdest?

Joris: Ich durfte bereits mit vielen großen Musikern unterwegs sein und jammen: Max Herre, Clueso, Rea Garvey … Das gehört dazu, denn wir machen ja Musik. Wir sind nicht FC Bayern und Borussia Dortmund, die gegeneinander antreten, sondern erfinden alle auf unsere Art und Weise Musik neu. [lacht]

Wenn ich mir jemanden wünschen dürfte, dann würde ich gerne mit Paolo Nutini oder Damien Rice spielen. Allerdings muss ich auch ganz ehrlich sagen, dass ich gerade total glücklich bin, den Leuten erst einmal meine Musik näherbringen zu können.

Elisa Reznicek: Bei Das Fest in Karlsruhe hat der gesamte Hügelbereich in der Günther-Klotz-Anlage deinen Song „Herz über Kopf“ gesungen. Wie war das für dich?

Joris: Das war krass, völliger Wahnsinn. Und richtig richtig geil! Es gibt zum Glück dieses Youtube-Video, das ich mir zwischendurch immer wieder anschaue. Ich denke dann „Man, was geht ab!“, weil ich es gar nicht glauben kann. Es ist aber auch schön, dass es so surreal ist. Stell dir mal vor, wie das wäre, wenn so eine Situation für mich normal wäre! Jeder andere Abend hat aber auch besondere Momente – auch ohne 45.000 Leute.

Elisa Reznicek: Hast du eigentlich so etwas wie einen Fünf-Jahres-Plan?

Joris: Ich sehe mich in fünf Jahren genau da, worauf ich Lust habe – und wenn das ein Job als Tankwart sein sollte. Aber höchstwahrscheinlich bin ich in fünf Jahren immer noch auf der Bühne, denn ich liebe, was ich tue. Ich nehme alles, so wie es kommt, und werde das machen, was mich glücklich macht. Das zu tun, was mir Spaß bringt, ist für mich das Wichtigste.

Elisa Reznicek: Welche Erinnerungen hast du an die Popakademie in Mannheim, wo du studiert hast?

Joris: Ich komme eigentlich aus einer ganz kleinen Stadt aus NRW namens Vlotho. Sie ist schön, aber nicht dafür bekannt, dass da so viele Verrückte wie ich rumlaufen, die Tag und Nacht Musik machen wollen. Nach dem Abitur bin ich daher nach Berlin gegangen und habe versucht, dort kreative Leute zu finden. Die haben mir dann von der Popakademie in Mannheim erzählt. Sie meinten, das wäre wie eine Hippie-Kommune für Musiker. Da stand für mich fest, dass ich dort hin will. Es war wahnsinnig schön, mit so vielen verschiedenen Leuten Musik machen zu können. Meine Erinnerungen daran werden immer gute sein.

Joris und ich nach dem Interview

Joris und ich nach dem Interview

Elisa Reznicek: Dein Keyboarder Constantin Krieg kommt ebenfalls aus der Region …

Joris: Stimmt, aus Forbach. Bevor ich ihn kennen lernte, war ich noch nie im Schwarzwald, aber es ist traumhaft dort. Und nachdem Karlsruhe mit Das Fest und Baden-Baden mit den SWR3 New Pop Festival auch noch so toll waren, kann ich nur sagen: Ich liebe die Ecke hier!

Elisa Reznicek: Woher nimmst du die Ideen für deine Musik? Spiegeln deine Songs dich wider?

Joris: Na klar. Darin steckt mein Leben, meine Geschichten, aber auch das, was meine Freunde erleben. Es gibt zum Beispiel den Song „Bis ans Ende der Welt“, den ich für einen meiner besten Freunde geschrieben habe, der seinen Vater durch Krebs verloren hat. Ich fand es wahnsinnig spannend zu sehen, wie er trotzdem weiter aufrecht durchs Leben gegangen ist und positiv an seinen Vater erinnert hat.

Elisa Reznicek: Hast du zwischendurch überlegt, wieder auf Englisch zu schreiben, wie du es früher gemacht hast?

Joris: Ich habe mit fünf Jahren angefangen, die Musik der Blues Brothers zu spielen und war in der elften Klasse ein Jahr im Ausland in Texas. Ich habe also lange Zeit englisch gesungen. Damit auf Deutsch zu schreiben, habe ich erst vor vier Jahren begonnen. Warum, weiß ich gar nicht mehr. Ich wollte es einfach ausprobieren. Durch die deutschen Texte entsteht eine unglaubliche Energie und Kraft zwischen Publikum und Bühne. Das ist der Wahnsinn und gibt mir sehr viel! Daher werde ich dabeibleiben.


Interview & Aufmacherfoto: Elisa Reznicek, lebelieberlauter.de 2015/16

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