Klartext – zur „Macbeth“-Inszenierung am Badischen Staatstheater Karlsruhe (Regie/Ausstattung)

Macbeth-Karlsruhe03_FalkvonTraubenbergUnd wieder einmal greift die alte Weisheit: „Wie man’s macht, macht man’s verkehrt“. Da wagt das Regieteam der Karlsruher „Macbeth“-Inszenierung endlich mal einen anderen, neuen Blick auf die Verdi-Oper – und das Publikum buht Holger Müller-Brandes (Regie) und Philipp Fürhofer (Bühne, Kostüme) bei der Premiere am 23. Januar 2016 dafür aus.

Wer jetzt denkt: „Das haben die verdient. Sicher schon wieder so eine moderne Inszenierung mit Blut, Fäkalien und allerhand sinnbefreiten Nackten auf einer leeren Bühne“, der irrt. Das ganze „Vergehen“, das sich die Beiden zuschreiben lassen müssen, ist das Setzen von Spotlights auf zwei – wie ich finde – zeitlos aktuelle Themen:

  • das Patriarchat, in dem die Frau wahlweise zum Sexobjekt oder zur Gebärmaschine degradiert wird
    Die Beleidigung „Du Hexe!“ ist in diesem Kontext durchaus wörtlich zu verstehen; man sehe und höre den Hexenchor, dessen in Unterwäsche bekleidete Damen teils betatscht und an einer Stelle sogar mit überdimensionalen Preisschildern versehen werden. Hallo, Köln! Hallo, Welt!
    (>> weiterlesen auf den Seiten von Terre des Femmes und beim Bundesamt für Familie, Senioren, Frauen und Jugend)

  • die Bedeutung von Kinderlosigkeit in einer Gesellschaft, in der neben Geld und Macht auch die Nachkommenschaft als Statussymbol herhalten muss
    „Schaut mal her, was der kleine Torben schon alles kann. Ganz der Papa!“ Blöd nur, wenn’s aus biologischen Gründen nicht klappen will mit Torben, Chantal und Marcel, während der Druck von außen wächst … und wächst … und wächst. Macbeth wird König. Banco aber wird Vater von Königen. Tja.
    (>> weiterlesen auf Zeit.de, Serie: ungewollt kinderlos)

Trug- und Zerrbilder einer entarteten Gesellschaft

Dargestellt wird das Dilemma mithilfe eines großen, begehbaren Spiegelkastens auf der Drehbühne, der unter anderem mit Videos bespielt oder mit lebender weiblicher „Deko“ bestückt wird. Er zeigt auf vielfältige Weise die Trug- und Zerrbilder, mit denen nicht nur Macbeth, sondern alle Protagonisten zu kämpfen haben. Man begegnet sich selbst beim Blick in den Spiegel, aber auch den eigenen Visionen, Ideen, Ängsten. Der eine sieht immer wieder die Kinder, die er nicht mit seiner Partnerin bekommen kann, der andere leicht bekleidete Frauen und andere „Konsumartikel“ (traurig, aber wahr), der nächste vielleicht das Zentrum vermeintlicher Macht und Potenz (hier in Form von Videoaufnahmen der Skyline des Frankfurter Finanzdistrikts). Das mag man überzeichnet oder schablonenhaft dargestellt finden – aber mal ehrlich: von dieser Art Überhöhung lebt die Kunst doch. Auch, und gerade, im Musiktheater!

Näher dran an der Lebenswirklichkeit als manch‘ andere Inszenierung

Wer außerdem sagt, die gezeigte Lebenswirklichkeit sei so weit weg vom Mitteleuropa 2016 wie Saudi-Arabien von Deutschland, redet sich meiner Meinung nach die Realität schön. Trotz Emanzipation: Frauen verdienen weniger und sollen außerdem Geliebte, Model, Über-Mutter und Hausfrau in Personalunion sein; der Mann hingegen bitte schön der „Stecher“ und Hauptverdiener. Klingt plakativ? Ist auch so gemeint! Bleibt ein Paar kinderlos (gewollt oder ungewollt), gerät es außerdem in Erklärungsnot und Handlungszwang. Warum also sollte man diese Themen nicht auch in einer Oper highlighten? Macbeth und seine Frau sind vor diesem Hintergrund weit mehr als die kaltblütig mordenden Monster, die in so vielen Inszenierungen bemüht werden.

Unverdient ausgebuht: Regieteam der „Macbeth“-Inszenierung am Badischen Staatstheater

Ich bin der Meinung, dass man sich die „Macbeth“-Inszenierung von Holger Müller-Brandes und Philipp Fürhofer am Badischen Staatstheater durchaus einmal selbst anschauen sollte. Diese ist übrigens auch (Kritiker würden sagen: immerhin) gesanglich und musikalisch klasse. Allen voran macht Kammersängerin Barbara Dobrzanska als Lady Macbeth einen unglaublichen Job. Aber das ist ein anderes Thema, das im Feuilleton ab Anfang nächster Woche sicher abgebildet wird (>> Pressespiegel auf der Homepage des Badischen Staatstheaters).


Text: Elisa Reznicek, lebelieberlauter.de 2016
Foto: Falk von Traubenberg

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