„Wort ist das falsche Wort“ – „Alle sieben Wellen“ mit Ralf Bauer im Kammertheater Karlsruhe

Alle Sieben Wellen Kammertheater LLaRocca

Der Titel des Theaterstücks „Alle sieben Wellen“ nach Daniel Glattauer liefert einige musikalische Steilvorlagen: Juli könnten als Soundtrack zum Beispiel „Das ist die perfekte Welle“ plärren. Oder wie wäre es mit „I’m slowly drifting away (drifting away) · Wave after wave“, das in den letzten Wochen immer wieder aus dem Radio plätschert? Trotzdem nehme ich ganz bewusst den Querverweis zu „Wort ist das falsche Wort“ von Erdmöbel, diesem wunderschönen, unglaublich traurigen Song.

Denn im Kern dreht sich das Stück, das am Kammertheater Karlsruhe bis Ende Dezember 2014 sehr erfolgreich aufgeführt wurde, um Kommunikation – und was dabei falsch laufen kann. Das Wort, mit all seiner Kraft. Das, was zwischen den Zeilen steht. Das Nicht-Gesagte und Laut-Gedachte. Die Annahmen und Interpretationen, die das eigene Ich zwangsläufig auf die Zeilen des Gegenübers wirft. Die übergroßen Wunschvorstellungen einer kleiner wachsenden Liebe. Und die Steine, die sich die Protagonisten selbst in den Weg legen.

Die Fortsetzung von „Gut gegen Nordwind“ – … und sie schreiben sich immer noch

Die Geschichte von Emmi Rothner (Ann-Cathrin Sudhoff) und Leo Leike (Ralf Bauer) geht also mit „Alle sieben Wellen“ in die Verlängerung. Nach „Gut gegen Nordwind“ heißt es nun, diese eine richtige, namensgebende siebte Welle zu nehmen, sich von ihr mitreißen zu lassen, Ängste und Masken fallen zu lassen, sich zu öffnen. Wieder schreibt man sich. Flirtet – zunächst im luftleeren Raum der virtuellen Realität, später auch im echten Leben. Und doch will es nicht so recht klappen.

Echte Intimität in einer virtuellen Welt?

„Du bist wie mein Tagebuch“, schreibt Leo einmal an Emmi. „Nur leider hältst du nicht still.“ Und tatsächlich: die echte Frau, die weit mehr als das Fantasiewesen aus den Mails ist, windet sich, zappelt, kämpft. Dass Leo seinen „Gefühlsschrank“ nur aufsperrt, wenn ihm danach ist, passt ihr nicht in den Kram. Und doch wirkt ihr Ringen um echte Emotionen über weite Strecken geradezu kontraproduktiv. „Berührungspunkte“ gibt es zwar, aber diese sind so flüchtig, dass es beide schmerzt. Auch schneller Sex führt nicht zur gewünschten Intimität, sondern bringt sie so weit auseinander, wie noch nie.

Eine Parabel auf die moderne Zeit

Ob es ein Happy End für Emmi und Leo gibt, will ich hier nicht verraten. Nur so viel: Das Stück, das vordergründig wie sanfte Samstagabendunterhaltung daherkommt, regt bei genauem Hinsehen und Zuhören zum Nachdenken an. Es ist eine Parabel auf die moderne Zeit, in der man spielerisch leicht tausende virtuelle Freunde haben kann, aber doch niemanden zum Leben und Lieben. Und es ist ein Plädoyer für den Mut im „real life“ aufeinander zuzugehen, anstatt sich hinter den Bildschirmen von Computern, Smartphones und Co. zu verstecken!

Hier kommt noch der namensgebende Titel zum Artikel:
Erdmöbel „Wort ist das falsche Wort“


Text: Elisa Reznicek, lebelieberlauter.de 2015
Foto: L La Rocca / Kammertheater Karlsruhe

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